Einführungskapitel
Grundlage für alle 17 Ziele: BNE-Haltung, Gestaltungskompetenz und die Vision der nachhaltigen Kita. Diese Kapitel sind verbindlich.
1 · Los geht's
Herzlich willkommen im BNE-Onlinekurs Nachhaltigkeit in der Kita! Dieses erste Kapitel gibt Ihnen Orientierung: Was erwartet Sie in diesem Kurs? Was bringen Sie bereits mit – und wo möchten Sie dazulernen?
Lernziele des Kurses auf einen Blick
Nach dem Durcharbeiten des gesamten Kurses können Sie …
- die 17 Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 benennen und deren Bedeutung für die frühkindliche Bildung erläutern,
- BNE-Haltung und Gestaltungskompetenz im Kita-Alltag beschreiben und reflektieren,
- konkrete Praxis- und Reflexionsimpulse für Ihre Einrichtung ableiten,
- die Vision einer nachhaltigen Kita nach dem Whole Institution Approach einschätzen und erste Schritte planen.
Technische Hinweise
Alle Inhalte dieser Referenzwebsite sind ohne Anmeldung zugänglich. Im fertigen Moodle-Kurs werden interaktive Elemente (H5P-Aufgaben, Selbstchecks, Reflexionsquizze) freigeschaltet, sobald Sie die vorherigen Kapitel abgeschlossen haben. Empfohlene Browser: aktuelle Versionen von Firefox, Chrome oder Edge.
Selbsteinschätzung: Einstiegs-Check
Bevor Sie beginnen: Überlegen Sie kurz, wo Sie sich selbst einschätzen würden.
- Ich kann BNE in eigenen Worten erklären.
- Ich kenne die 17 SDGs zumindest dem Namen nach.
- Ich setze Nachhaltigkeitsthemen bereits bewusst in meiner Einrichtung um.
- Ich kenne das Konzept der Gestaltungskompetenz.
Halten Sie Ihre Antworten fest – am Ende des Kurses können Sie Ihren Lernweg nachvollziehen.
Zeitlicher Umfang und Erwartungen
Der Gesamtkurs umfasst ca. 16–20 Stunden Selbststudium. Die sechs Einführungskapitel sind in ca. 90 Minuten bearbeitbar. Planen Sie danach je nach gewähltem Schwerpunkt 1–2 Stunden pro SDG-Baustein ein. Sie können die Module in Ihrem eigenen Tempo und in freier Reihenfolge bearbeiten – lediglich die Einführungskapitel sollten zuerst abgeschlossen werden.
2 · Warum BNE?
Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist mehr als ein Modethema: Sie ist international und national verankert und gehört zu den zentralen Bildungsaufgaben frühkindlicher Einrichtungen.
Gesetzliche und fachliche Verankerung
BNE ist kein Add-on, sondern Teil des regulären Bildungsauftrags:
- BayBEP (Bayerischer Bildungs- und Erziehungsplan): Umweltbildung, Werteerziehung und gesellschaftliche Verantwortung sind als Bildungsbereiche explizit ausgewiesen.
- Orientierungsplan Baden-Württemberg: Natur und Umwelt sowie Gemeinschaft und Verantwortung bilden eigene Bildungs- und Entwicklungsfelder.
- UNESCO-Programm „ESD for 2030": Das globale Rahmenprogramm fordert, BNE von der Kita bis zur Hochschule in allen Bildungssystemen zu verankern.
BNE ist mehr als Umwelterziehung
BNE umfasst vier Dimensionen, die gleichwertig und untrennbar miteinander verbunden sind:
- Ökologisch: Klimawandel, Biodiversität, natürliche Ressourcen
- Sozial: Kinderrechte, Gesundheit, Frieden, Gleichstellung
- Wirtschaftlich: Fairer Handel, nachhaltiger Konsum, Arbeit
- Kulturell: Vielfalt, kulturelles Erbe, Teilhabe
Der Gerechtigkeitskern von BNE
Im Zentrum von BNE steht eine doppelte Gerechtigkeitsfrage:
- Räumliche Gerechtigkeit: Zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden – Wer verursacht Probleme, wer trägt die Folgen?
- Zeitliche Gerechtigkeit (Zukunftsethik): Zwischen heutigen und künftigen Generationen – Welche Welt hinterlassen wir? Der Philosoph Hans Jonas formulierte dies im Prinzip Verantwortung: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden."
Diese Gerechtigkeitsperspektive unterscheidet BNE fundamental von reiner Naturpädagogik oder Umwelterziehung.
3 · Die BNE-Haltung: Ermöglichen statt Moralisieren
BNE soll Kinder befähigen, nicht belehren. Das klingt einfach – erfordert aber eine bewusste Reflexion der eigenen Haltung. Was bedeutet das konkret?
Drei Kernaspekte der BNE-Haltung
- Demokratische Aushandlung gemeinsamer Regeln: Kinder erleben, dass Regeln nicht willkürlich gesetzt, sondern gemeinsam ausgehandelt und begründet werden. Gruppenregeln, Raumnutzung, Umgang mit Ressourcen – all das kann partizipativ gestaltet werden.
- Gemeinsames Ergründen von Werten: Menschenrechte, Gerechtigkeit und Solidarität sind keine Lernziele, die man „beibringt". Kinder erfahren sie im gelebten Miteinander, im philosophischen Gespräch und im konkreten Handeln. Die Erwachsenen begleiten diesen Prozess offen und fragend.
- Erproben von Mitbestimmung und Selbstwirksamkeit: Kinder sollen erleben, dass ihr Handeln Wirkung hat – dass eine Idee, ein Protest, ein Vorschlag etwas verändern kann. Kinderparlamente, Kita-Projekte, echte Entscheidungsbeteiligung schaffen diese Erfahrungen.
Ko-konstruktivistisches Lernverständnis
BNE basiert auf einem ko-konstruktivistischen Lernverständnis: Wissen und Bedeutung entstehen im gemeinsamen Austausch zwischen Kindern und Erwachsenen – nicht durch Instruktion von oben. Die pädagogische Fachkraft ist Lernbegleiterin, nicht Wissensvermittlerin.
4 · Gestaltungskompetenz
Das Ziel von BNE ist nicht, Kindern Wissen über Nachhaltigkeit zu vermitteln. Das Ziel ist Gestaltungskompetenz – die Fähigkeit, aktiv an der Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft mitzuwirken.
Kompetenzbereiche nach de Haan (kita-gerecht)
Gerhard de Haan, einer der führenden BNE-Forscher im deutschsprachigen Raum, beschreibt Gestaltungskompetenz in drei Bereichen, die sich auch für die Kita operationalisieren lassen:
| Bereich | Was das bei Kindern bedeutet | Beispielhafte Anzeichen |
|---|---|---|
| Erkennen Vorausschauend wahrnehmen |
Kinder lernen, Zusammenhänge zu sehen, Folgen vorauszudenken und Fragen zu stellen: „Was wäre, wenn…?" | Kind fragt, was mit dem Müll passiert; überlegt, warum eine Pfütze kleiner wird; bemerkt Veränderungen in der Natur über Wochen |
| Bewerten Werte abwägen |
Kinder lernen, Situationen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und abzuwägen: Ist das fair? Wer wird dabei nicht gehört? | Kind verteidigt Gerechtigkeitsprinzip im Streit; fragt, warum manche Kinder kein sauberes Wasser haben; philosophiert über Fairness |
| Handeln Gemeinsam planen & Selbstwirksamkeit erleben |
Kinder erleben, dass sie etwas bewirken können – durch gemeinsames Planen, Ausprobieren und Durchhalten. | Kind schlägt Kita-Projekt vor und setzt es um; erlebt, dass sein Protest gehört wird; organisiert gemeinsam mit anderen Kindern eine Aktion |
Fünf Zieldimensionen (Stiftung Kinder forschen)
Die Stiftung Kinder forschen (Kauertz et al. 2019) erweitert das Dreiklang-Modell um eigenständige Bereiche, die im Kita-Alltag leicht übersehen werden: Motivation und Werte als tragende Elemente neben Erkennen, Bewerten und Handeln. Alle Dimensionen stehen in Wechselwirkung.
| Zieldimension | Worum es bei Kindern geht |
|---|---|
| Verstehen und Erkennen | Kinder bauen ein grundlegendes Verständnis für Zusammenhänge in der Welt auf – ökologische, soziale und wirtschaftliche Prozesse werden erfahrbar und begreifbar gemacht. |
| Reflektieren und Bewerten | Kinder lernen, Sachverhalte aus mehreren Perspektiven zu betrachten, Widersprüche wahrzunehmen und eigene Urteile zu begründen. |
| Werte und moralische Optionen | Kinder entwickeln ein Gespür für ethische Fragen: Was ist gerecht? Was ist gut für alle? Werte wie Solidarität, Gerechtigkeit und Fürsorge werden im Alltag erlebbar und verhandelbar. |
| Motivation | Kinder entwickeln ein intrinsisches Interesse an Nachhaltigkeitsfragen und erleben, dass es sich lohnt, sich zu engagieren – Grundlage für lebenslanges Engagement. |
| Handeln | Kinder erproben konkretes Handeln im Kleinen: in der Gruppe, in der Einrichtung, im Sozialraum. Selbstwirksamkeit entsteht durch echte Beteiligung und sichtbare Wirkung. |
5 · Die Vision: Nachhaltige Kita
Eine einzelne Aktivität, ein Thementag oder ein Umweltprojekt – das ist BNE noch nicht. Wirkungsvolle BNE braucht einen systemischen Ansatz: die gesamte Einrichtung als Lernort.
Whole Institution Approach (WIA)
Der Whole Institution Approach (WIA) – auf Deutsch: „Gesamteinrichtungsansatz" – ist das internationale Modell für nachhaltige Bildungseinrichtungen. Es versteht die Kita als lebendiges System, in dem alle Bereiche zusammenwirken:
- Pädagogik: BNE-Haltung und Gestaltungskompetenz als Grundlage aller Bildungsangebote
- Betrieb: Nachhaltige Beschaffung (Spielmaterial, Reinigungsmittel), klimafreundliche Verpflegung, Energiesparen – die Kita lebt vor, was sie vermittelt
- Räume: Naturnahe Außenanlagen, ressourcenschonende Raumgestaltung, Begegnungsräume für Kinder und Familien
- Haltung der Erwachsenen als Vorbilder: Fachkräfte, Leitungen und Träger handeln selbst nachhaltig und reflektieren ihr Vorbild
- Echte Beteiligung der Kinder: Kinder sind nicht Objekte von Bildung, sondern Mitgestalter ihrer Einrichtung
Was folgt im Kurs
Dieses Kapitel führt die Vision ein und gibt Orientierung. Die konkrete Umsetzung – mit einem interaktiven Selbstcheck für Ihre Einrichtung – folgt im WIA-Modul am Ende des Kurses, nachdem Sie die 17 Nachhaltigkeitsziele kennengelernt haben. Dort können Sie dann einschätzen, wie weit Ihre Kita auf dem Weg zur nachhaltigen Einrichtung schon ist – und konkrete nächste Schritte planen.
6 · Die 17 Nachhaltigkeitsziele im Überblick
Im September 2015 verabschiedeten 193 Staaten die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Ihr Kern: 17 Sustainable Development Goals (SDGs) – 17 Ziele, die bis 2030 weltweit erreicht werden sollen. Sie gelten für alle Länder gleichzeitig – Industrie- und Entwicklungsländer.
Die Logik der drei Dimensionen und Partnerschaften
Die 17 Ziele lassen sich nach den drei Dimensionen nachhaltiger Entwicklung und der verbindenden Partnerschaftsdimension strukturieren:
- Umwelt (Fundament): SDG 6 (Wasser), SDG 13 (Klima), SDG 14 (Ozeane), SDG 15 (Landökosysteme) – ohne eine intakte Umwelt ist keine nachhaltige Gesellschaft möglich.
- Soziales und Kultur: SDG 1 (Armut), 2 (Hunger), 3 (Gesundheit), 4 (Bildung), 5 (Gleichstellung), 7 (Energie), 11 (Städte), 16 (Frieden) – menschliche Würde, Teilhabe und Chancengleichheit.
- Wirtschaft: SDG 8 (Arbeit), 9 (Innovation), 10 (Ungleichheit), 12 (Nachhaltiger Konsum) – gerechte wirtschaftliche Entwicklung innerhalb planetarer Grenzen.
- Partnerschaften (SDG 17): Globale und lokale Zusammenarbeit als Querschnittsthema, das alle anderen Ziele erst ermöglicht.
Orientierung im Kurs
Die im Referenzrahmen für die frühkindliche Bildung genannten Kernthemen – sauberes Wasser, Ernährung, Energie, Klima, Abfall, Konsum und Gerechtigkeit – finden sich vollständig in den SDGs wieder. Jedes dieser Themen ist in diesem Kurs einem oder mehreren Zielen zugeordnet und wird mit konkreten Praxisbeispielen und Reflexionsimpulsen für die Kita aufbereitet.
Nach diesen sechs Einführungskapiteln beginnen Sie mit dem ersten SDG-Baustein. Die Reihenfolge der Bausteine folgt der Hochzeitstorten-Logik: von der Umwelt als Fundament über Soziales und Wirtschaft bis zu den Partnerschaften.